19.03.2018Im Rahmen des Festivals kunst&gesund stellt STADTKULTUR Fragen zum Verhältnis von Gesundheit und Kunst

 

Melanie Huml © Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege

 

Inwiefern sind unser Gesundheitssystem und unser Verständnis von Gesundheit und Krankheit kulturell geprägt?

Gesundheit ist ein vielschichtiger Begriff. Idealerweise ist es ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens, so definiert es die Weltgesundheitsorganisation. In dieser Formulierung wird deutlich: Auch soziale, also gesellschaftliche und kulturelle Faktoren haben einen wichtigen Einfluss. Unser Umgang mit Gesundheit und Krankheit ist entscheidend durch die christlich-abendländische Tradition geprägt. Die Krankenversorgung begründete sich auf den Geboten der Barmherzigkeit und Nächstenliebe, es kamen die Gedanken der Aufklärung und des Humanismus hinzu. Und natürlich die bahnbrechenden wissenschaftlichen Entwicklungen in der Medizin, zu denen Forscher auch aus Bayern wichtige Beiträge geleistet haben und auch heute leisten. All das hat Einfluss auf unseren Umgang mit Gesundheit und Krankheit. Und darauf baut auch unser weltweit anerkanntes Gesundheitssystem auf.

 

Und an welchen Beispielen ließe sich die kulturelle Prägung deutlich machen?

Die kulturelle Prägung beeinflusst zum Beispiel unser Gesundheitsverhalten. Welchen Stellenwert haben alltägliche gesundheitsförderliche Faktoren wie Bewegung und Ernährung? Wie wichtig sind mir Impfungen und andere Vorsorgemaßnahmen? Wie reagiere ich bei gesundheitlichen Beschwerden? Das ist je nach Herkunft ganz unterschiedlich und es ist mir wichtig, das zu berücksichtigen. Deswegen fördern wir schon seit rund zehn Jahren das interkulturelle Gesundheitsprojekt „MiMi“. Mehr als 400 Migrantinnen und Migranten informieren Landsleute in Bayern in muttersprachlichen Veranstaltungen kultursensibel über gesundheitsbezogene Themen. Zugleich geht es darum, die interkulturelle Kompetenz in den Gesundheitsfachberufen zu stärken. „MiMi“ leistet hier hervorragende Arbeit.

 

Unser Gesundheitsbegriff ist sehr eng an den Begriff der Arbeitsfähigkeit geknüpft. Wie wird das bei Künstlerinnen und Künstlern gesehen?

Dem möchte ich widersprechen. Arbeitsfähigkeit ist nur einer von vielen Aspekten des Gesundheitsbegriffs, der zudem im Kindes- oder Seniorenalter keine Bedeutung hat. Mir ist es wichtig, dass wir Gesundheit mit all ihren körperlichen, seelischen und sozialen Aspekten betrachten. Dazu gehören zum Beispiel auch psychische Erkrankungen, die leider noch immer stigmatisiert sind. Ich setze mich entschieden dafür ein, sie aus der Tabuzone zu holen. Unsere jüngsten Kampagnen zur psychischen Gesundheit – „Bitte stör mich! – Aktiv gegen Depression“ bei Erwachsenen und „Ganz schön gemein!“ bei Kindern und Jugendlichen – werben für einen offeneren Umgang und haben viel Beachtung und sehr positive Resonanz gefunden.

 

Künstlerinnen und Künstler leiden – ähnlich wie Sportler*innen – unter spezifischen berufsbedingten Belastungen (z.B. Violinenspieler* innen, Tänzer*innen). Werden diese von unserem Gesundheitssystem berücksichtigt?

Arbeit spielt eine besondere Rolle in unserem Leben. Das wird allein durch die Zeit, die wir täglich damit verbringen, deutlich. Je nach Arbeitsplatz können sich daraus auch Belastungen ergeben, das gilt für Künstler wie für andere Berufsgruppen. Selbstverständlich werden diese im Gesundheitssystem berücksichtigt; in den letzten Jahrzehnten haben sich spezialisierte Richtungen wie beispielweise Musikermedizin oder Tanzmedizin entwickelt. Um gesundheitliche Belastungen durch die Arbeit aber möglichst zu vermeiden, gibt es strenge Rechtsvorschriften zum Arbeitsschutz, die auch für Kulturbetriebe gelten. Darüber hinaus bieten die Unternehmen – auch im Kulturbereich – immer mehr freiwillige Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung an. Wichtig ist mir aber auch: Arbeit ist nicht nur eine Belastung – im Gegenteil! Im besten Fall erfüllt sie uns und gibt uns Kraft, sie ist eine Quelle für Gesundheit. Künstlerinnen und Künstler können diesen bereichernden Aspekt der Arbeit vielleicht besonders gut nachvollziehen.

 

Tragen die Künste zur Förderung von Gesundheit bei? Wie sehen Sie das?

Nicht umsonst sprechen wir von „Kunstgenuss“! Wir empfinden künstlerische Darbietungen als anregend, belebend oder entspannend – sie tun unserer Seele gut. Und mehr noch kann das aktive Gestalten dazu beitragen: Die Kunsttherapie wird zur unterstützenden Behandlung bei verschiedenen Erkrankungen eingesetzt. Viele Patientinnen und Patienten schätzen das sehr, sie erleben die künstlerische Betätigung als einen Weg, Belastungen zu bewältigen und die Gesundheit zu stärken.